„Die Stimmung ist gereizt“

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Professor Yves Bizeul

Am Sonntag wird in Frankreich gewählt. Es ist eine richtungsweisende Wahl für das Land, aber auch für Europa. Weshalb? Das erklärt Professor Yves Bizeul von der Universität Rostock im Interview mit unserem Wahlportal.

Wie oft werden Sie in diesen Tagen in Rostock auf die Präsidentschaftswahl in Frankreich angesprochen?

Prof. Yves Bizeul: Ich unterhalte mich oft mit meinen Bekannten und Kollegen darüber.

Ist das Interesse größer als bei früheren Wahlen?

Das Interesse ist insofern größer, als Marine Le Pen vom Front National bei den Umfragen zum ersten Mal als mögliche Siegerin im ersten Wahlgang gehandelt wird. Außerdem gibt es unappetitliche Affären, die die Kandidaten Fillon und Le Pen betreffen.

Was wollen die Leute von Ihnen wissen?

Sie interessieren sich vor allem dafür, ob es möglich ist, dass Marine Le Pen die Wahlen gewinnen kann. Das ist meines Erachtens unwahrscheinlich, da der Front National bisher bei keinen Wahlen über 30 Prozent der Wähler/innen mobilisieren konnte. Dafür bräuchte man bei den jetzigen Präsidentschaftswahlen eine große Zahl an Nichtwählern.

Wie ist die Stimmung in Frankreich so kurz vor der Präsidentschaftswahl?

Die Stimmung ist gereizt. Man hat den Eindruck, der Untergang der Fünften Republik – also des jetzigen politischen Systems – stehe kurz bevor. Einige Politiker wollen offen eine andere Republik. Andererseits stellt man aber auch ein sehr großes Interesse für die Politik fest. Dies hat sich bei der sehr hohen Zuschauerquote im Fernsehen bei den Diskussionsrunden zwischen den Kandidaten gezeigt.

Was unterscheidet diese Wahl von vorherigen?

Das bipolare Parteiensystem strukturiert das politische Leben Frankreichs nicht mehr. Die zwei Kandidaten, die bei den Umfragen vorne lagen (Le Pen und Macron), gehören nicht zu den beiden großen Parteien (PS, Républicains), aus denen in der Vergangenheit alle französischen Staatschefs hervorgegangen sind. Auch der Linkenführer Mélenchon kommt bei zahlreichen Wählern/innen gut an.

Was bedeutet diese Wahl für Frankreich?

Die Wahl zeigt, wie tief die Franzosen verunsichert sind. Die hohe Zahl an Arbeitslosen unter den Jugendlichen und die offene Frage nach der französischen bzw. republikanischen Identität sind mittlerweile systemgefährdend geworden.

Was bedeutet diese Wahl für Europa?

Falls Marine Le Pen gewinnt, bedeutet das das Ende der Euro-Zone und höchstwahrscheinlich der EU selbst. Bei einem Wahlsieg von Francois Fillon wird die EU auf ein Kerneuropa reduziert und sich zum Teil auflösen. Nur Macron ist ein überzeugter Europäer.

Was steht für die deutsch-französischen Beziehungen auf dem Spiel?

Le Pen will Frankreich aus dem angeblichen Würgegriff Deutschlands befreien. Das ist auch das Ziel Melanchons, der die EU-Verträge neu aushandeln will. Fillon ist ein „Souveränist“, der die französische Nation effektiver schützen möchte. Er ist aber auch davon überzeugt, dass sich einige Aufgaben – so die Verteidigung – nur auf der Ebene Europas – also eng zusammen mit den Deutschen – vernünftig erfüllen lassen. Macron will die Kooperation mit Deutschland enger gestalten.

Vermutlich wird es eine Stichwahl am 7. Mai geben. Erwarten Sie eine Zuspitzung des Wahlkampfes?

Bei der Stichwahl wird es vermutlich eine Mobilmachung aller Republikaner gegen Marine Le Pen, sollte sie dabei sein, geben. Das war 2002 der Fall, als ihr Vater, Jean-Marie Le Pen, überraschend im zweiten Wahlgang dabei war. Damals wurde Chirac mit einer überragenden Mehrheit gewählt. Das wird sich in diesem Fall wohl wiederholen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird dann der andere Kandidat – Macron oder Fillon – gewählt.

Was werden Sie am Wahlabend machen?

Mir die Ergebnisse anschauen. Und mit meiner Frau ein Glas Champagner auf das Wohl Frankreichs, Deutschlands und Europas trinken.

Und was sagen Sie den Rostockern nach der Wahl?

Seien Sie froh, auf einer Insel der politischen Stabilität zu leben. Und bezüglich Frankreich: „fluctuat nec mergitur“¹.

¹ „Fluctuat nec mergitur” steht auf dem Stadtwappen von Paris. Übersetzt: „Sie schwankt, aber geht nicht unter.”

Zur Person

Yves Bizeul ist seit 1995 Professor für Politik- und Verwaltungswissenschaften der Universität Rostock. Zuvor war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung in Frankfurt am Main. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen u.a. die Gestaltung des Pluralismus sowie die politische Symbolik und ihre Theorie. Bizeul wurde 1956 in Paris geboren.

Hintergründe

So berichtet Zeit Online über die Wahl – hier

So berichtet Spiegel Online – hier

Die Wahl im Überblick – hier

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